Expertenstimme: Ernst-Werner Briese

Sie meinten gerade, oft sind es die Angehörigen, die eine Beratung für ihre Eltern aufsuchen. Gibt es auch Fälle, in denen die Älteren selbst sich informieren?

Wenn sie noch fit genug sind, die Beratung selbst anzufordern, dann können es auch die Betroffenen selbst sein. Es gibt auch welche, die das prophylaktisch angehen. Diese Leute wollen einfach wissen, für welchen Preis sie zukünftige Probleme lösen können. Denn es geht auch immer ums Geld. Viel Geld, das man unter Umständen investieren muss. Es stellt sich die Frage, die auch das Resultat einer Wohnberatung sein kann: Ziehen Sie hier aus? Möglicherweise ist es nicht das richtige Haus, in dem Sie wohnen. Die hundert Stufen von der Straße bis zur Wohnungstür können Sie zwar mit einem Aufzug lösen, der zwischen 50.000 und 60.000 Euro kostet. Im Haus können Sie dann noch einmal 50.000 Euro ausgeben. Aber wollen Sie das? Können Sie das? Oder ist es besser, Sie ziehen in eine barrierefreie Wohnung um und geben Ihr Haus auf?

Es ist sicherlich ein Thema für die Zukunft, dass mehr über digitale Anlagen geregelt und gesteuert wird.

Ernst-Werner Briese

Gibt es auch alternative Lösungen, die erschwinglicher wären?

Ja, man könnte es z. B. auch erst einmal mit einem Badewannenlifter probieren, anstatt mit einer bodengleichen Dusche. Oder ein anderes Beispiel: Wenn jemand nicht so schnell an die Haustüre kommt, kann man es zunächst mit einer digitalen Einrichtung versuchen, mit der man sehen kann, wer vor der Tür steht. Über das Smartphone oder den Klingelknopf kann man dann die Haustüre öffnen. Das ist genauso möglich.

Wie groß ist denn bislang das Interesse an digitalen Hilfsmitteln?

Eher gering, weil die Menschen in aller Regel schon ein Problem damit haben, das viele Geld allein für die baulichen Sachen aufzubringen. Und das andere kostet ja nochmal extra. Aber es ist sicherlich ein Thema für die Zukunft, dass mehr über digitale Anlagen geregelt und gesteuert wird und dass sich die Leute auch damit anfreunden und Vorteile davon haben.

Wie reagieren denn die Ratsuchenden auf die Möglichkeiten, die Sie vorschlagen?

Sie sind in der Regel sehr erstaunt, wenn ich sie berate. Viele sagen, davon haben sie gar nichts gewusst oder davon hören sie zum ersten Mal. Aber das macht eigentlich nur deutlich, wie sehr das Thema verdrängt wird. Man will davon nichts wissen. Man will nicht alt sein. Man will jung und fit sein. Die Menschen unternehmen heutzutage viel, reisen in der Welt herum und sind überall unterwegs. In ihre Wohnungen und Häuser möchten sie aber nicht investieren. Das lassen sie lieber auf sich zu kommen.

Viele ältere Menschen stehen dem Ganzen demnach nicht sehr offen gegenüber?

Ich würde sagen, fünf bis zehn Prozent sind offen, die anderen machen es eher aus der Not heraus. Der Spruch „Das tut’s doch noch“ ist sehr verbreitet. Viele wollen möglichst wenig ausgeben und manche fürchten auch, dass die Erbschaft der Kinder kleiner wird. Doch das dürfte eigentlich kein Argument sein. Aber man kann die Menschen nicht so ohne weiteres von ihren Vorstellungen über Geld abbringen. Vor allem die Älteren nicht. Es sind eher die jüngeren, 60 bis 65-Jährigen, die sich damit beschäftigen, weil sie sich sagen: Wir werden älter und wir sehen bei anderen, welche Probleme auftreten können.

Vielen Dank für das Interview!


Weiterführende Informationen

Kreisseniorenrat Tübingen e.V.

Der Kreisseniorenrat Tübingen e.V. kümmert sich als gemeinnütziger Verein um Fragen und Probleme ältererer Bürgerinnen und Bürger des Landkreises und unterstützt diese insbesondere in ihrem Lebensalltag. Darüber hinaus wirkte der Kreisseniorenrat bereits bei einigen Projekten mit. So beteiligte er sich 2014 an der Initiative „Senioren-Technik-Botschafter – Wissensvermittlung von Älteren für Ältere“ des BMBF (Bundesministerium für Bildung und Forschung). Ziel dieser Initiative war es, Seniorinnen und Senioren als Vermittlerinnen und Vermittler einzusetzen, um anderen älteren Menschen und deren Angehörigen den Zugang zu modernen Technologien wie beispielsweise technischen Assistenzsystemen (AAL) aufzuzeigen und zu ermutigen.


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