Kreisseniorenrat-Mitglied Ernst-Werner Briese über das Älterwerden: „Der Spruch ‘Das tut’s doch noch’ ist weit verbreitet“
Ernst-Werner Briese ist stellvertretender Vorsitzender des Kreisseniorenrats Tübingen e.V., einem gemeinnützigen Verein, der die Interessen der Älteren gegenüber der Stadt und dem Landkreis Tübingen vertritt. Neben vielen verschiedenen Projekten, zu denen z. B. das LebensPhasenHaus in Tübingen gehört, bietet der Kreisseniorenrat auch kostenlose Wohnberatungen für Menschen an, die auf (technische) Hilfe im Alltag angewiesen sind. Im Interview verrät uns Herr Briese, wie so eine Beratung ablaufen kann, wie unterschiedlich die Betroffenen auf die Vorschläge reagieren und inwiefern bereits Interesse an digitalen Hilfsmitteln besteht.

Herr Briese, der Kreisseniorenrat kümmert sich um die Interessen der Älteren. Welche Interessen wären das zum Beispiel?
Im Grunde sind wir für alle Fragen offen. Wir sind im besten Sinne des Wortes Lobbyisten der Senioren. Über die Jahre hinweg – ich bin jetzt seit fast 20 Jahren dabei – hatten wir viele verschiedene Projekte, die sich z. B. mit der Frage beschäftigen, was Großeltern wichtig ist. Ein zentrales Thema ist dabei die Wohnberatung, das Wohnen bzw. die Unterbringung im Alter. Dazu gehört z. B. das Pflegeheim, das betreute Wohnen, aber auch kleine Wohngemeinschaften, in denen sich vielleicht nur zwei, drei Leute zusammentun. Dieses gesamte Spektrum, wie man im Alter wohnt und wie man damit umgehen kann, wie man das finanziert, woher man Unterstützung und Beratung zu diesen Fragen bekommt, ist etwas, was uns alle bewegt.
Die Wohnberatung ist in erster Linie für Seniorinnen und Senioren gedacht. Gibt es darüber hinaus noch weitere Personengruppen, die Ihre Beratung aufsuchen?
Grundsätzlich ist der Kreisseniorenrat für Senioren zuständig. Wir unterscheiden jedoch nicht zwischen Jung und Alt. Ich bin z. B. in dem Arbeitskreis Fachstelle für Inklusion tätig, in dem nicht überwiegend Ältere, sondern auch Rollstuhlfahrer bzw. behinderte Menschen sind. Und auch aus diesem Kreis kommen Beratungswünsche, die selbstverständlich ebenfalls wahrgenommen werden. Ob das jetzt ein Kind, ein junger Erwachsener oder ein Älterer ist, spielt überhaupt keine Rolle. Die Wohnberatung gilt für alle.
Wenn nun jemand Fragen zu seiner aktuellen Wohnsituation hat und sich eine Beratung wünscht: Wie läuft so ein Treffen ab?
Es gibt viele Wege, wie mich die Leute erreichen: über einen Flyer, über die Sozialstation, über den Kreisseniorenrat oder durch Mund-zu-Mund-Propaganda. Sie rufen mich privat an und ich vereinbare einen Termin. Das Entscheidende ist, dass ich nur die sogenannte aufsuchende Wohnberatung mache. Andere sitzen in einem Büro und regeln die Beratung aus der Ferne. Das ist aber nicht unser Ansatz.
Können Sie das konkretisieren?
Wir wollen das Ganze als ein Gesamtthema betrachten. Das heißt, man muss vom Menschen ausgehen und sich dessen Bedürfnisse und Krankheiten anschauen, um daraus abzuleiten, was dieser heute und vielleicht in drei oder fünf Jahren braucht. Geklärt werden muss dann die Frage: Ist das Haus oder die Wohnung auch in drei oder fünf Jahren noch sinnvoll bzw. barrierefrei für einen älteren Menschen?
Überlegt werden muss immer: Was kommt im Einzelfall in Frage?
Ernst-Werner Briese
Als Beispiel: Die meisten Menschen wünschen sich oft nur eine bodengleiche Dusche. Aber nicht selten wohnen sie in einem Haus im fünften Stock ohne Aufzug und kommen schon jetzt schwer die Treppen rauf und runter. Da macht es dann offensichtlich keinen Sinn, 10.000 bis 30.000 Euro für einen Badumbau auszugeben. Vielmehr muss man sich fragen, was man sonst machen kann. Und das führt eben zu dieser intensiven aufsuchenden Beratung vor Ort.
Sie besuchen demnach die Betroffenen zu Hause und schauen sich die aktuelle Wohnsituation an?
Wenn es irgendwie geht. Es geht nicht immer. Oft sind die Ansprechpartner die Kinder. Die Person, um die es eigentlich geht, ist noch in der Reha oder liegt noch im Krankenhaus und man weiß manchmal gar nicht, ob sie wieder nach Hause kommt oder nicht. Wir überlegen dann trotzdem, was man machen kann. Punkt eins wäre die Frage: Kann man das Problem mit sogenannten Hilfsmitteln lösen? Dazu gibt es den Hilfsmittelkatalog. Außerdem gibt es noch bauliche Maßnahmen. Wenn jemand in einen Pflegegrad eingestuft ist, bekommt er zudem einen Zuschuss von 4.000 Euro. Überlegt werden muss also immer: Was kommt im Einzelfall in Frage? Danach richten sich dann die Vorschläge.